US-Einwanderer ohne Papiere Leben, arbeiten, Angst haben

Stand: 07.02.2021 04:45 Uhr

Etwa elf Millionen Menschen leben ohne Papiere in den USA. In der Ära Trump stieg ihre Angst vor Abschiebung, Präsident Biden stößt Reformen an. Von Sorge befreit sind die "Dreamers" und ihre Eltern damit nicht.

Von Kerstin Klein, ARD-Studio Washington, zurzeit Austin

Ana und Fransisco kamen vor 20 Jahren aus Mexiko in die USA, illegal, mit zwei Kleinkindern. Ihre beiden jüngeren Söhne sind hier geboren. Bis heute haben sie keine Papiere, also keinen legalen Aufenthaltsstatus - so wie elf Millionen Menschen in den USA. Aber wie Millionen andere haben sie sich hier ein Leben aufgebaut: Kinder groß gezogen, ein Heim geschaffen - und wie Millionen andere hoffen auch sie, dass sich die Lage für sie und ihre Kinder nun bessert; dass Präsident Joe Biden es schafft, ihnen eine Perspektive für ein Leben in der Legalität zu bieten.

Bereits an Tag eins seiner Amtszeit erließ Biden mehrere Dekrete zur Migrationspolitik, machte Anordnungen seines Vorgängers rückgängig. So verfügte er einen 100-Tage-Abschiebestopp, um Zeit zu haben, die Prioritäten in der Ausländerpolitik neu zu justieren. Während in der Amtszeit von Trump potentiell alle Migranten ohne Papiere gleichermaßen von der Abschiebung bedroht waren, soll der Fokus jetzt wieder auf straffällig gewordenen Migranten liegen. Und Biden bekannte sich zum sogenannten DACA-Programm aus der Obama-Ära, das Menschen, die von ihren Eltern als Kinder ins Land gebracht wurden, vor der Abschiebung schützt.

Erleichterung für Hunderttausende "Dreamers"

Auch Anas ältester Sohn, Aldo, ist ein sogenanntes DACA-Kind, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen "Dreamer". Er war ein Jahr alt, als er ins Land kam, verbrachte also im Prinzip sein ganzes Leben in den USA. Für ihn bedeutet der Erlass von Biden einerseits eine große Erleichterung: Über ihm hängt jetzt nicht mehr die drohende Abschiebung. Gleichzeitig hat er ohne Papiere nicht die gleichen Chancen wie junge Leute mit Papieren, zum Beispiel beim Studium oder der Berufswahl.

Aber vor allem um seine Eltern hat er nach wie vor große Angst, wie schon sein ganzes Leben. "Wenn ich mir vorstelle, meine Mom verliert meinen Dad oder umgekehrt - das ist schrecklich", sagt er.

Aldo (20) ist einer der sogenannten Dreamers und unter Biden jetzt wieder vor Abschiebung sicher. | Bildquelle: TV-Studio Washington
galerie

Aldo (20) ist einer der sogenannten Dreamers und unter Biden jetzt wieder vor Abschiebung sicher.

Was bleibe schon, meint Ana, außer leben und hoffen

Ana putzt Häuser, Fransisco arbeitet auf dem Bau. Sie bewegen sich frei, aber ständig sitzt die Angst im Nacken - seit 20 Jahren. Wenn sie in einem Laden sei, erzählt Anna, und jemand sagt: 'Draußen ist ein Wagen der Ausländerbehörde', dann zucke sie jedes Mal zusammen. Wie alle hier kennen sie mehr als einen Menschen, der bereits abgeschoben wurde.

Auch der Mann von Anas Schwester Carmen wurde vor Jahren nach Mexiko zurückgeschickt, und auch, wenn er mittlerweile wieder im Land ist, hat diese Erfahrung bei der ganzen Familie tiefe Wunden hinterlassen. Aber was bleibe ihnen schon anderes übrig, sagt Ana, als zu leben und zu hoffen.

Tatsächlich gab es in den Trump-Jahren sogar weniger Abschiebungen als in der Obama-Zeit. Aber etwas anderes habe sich grundsätzlich verändert, erzählt Aldo: "Trump hat den Geist aus der Flasche gelassen." Das Klima habe sich verändert, Menschen mit ausländerfeindlicher Gesinnung hätten sich nicht länger versteckt, sondern diese nun offen zu Tage getragen. "Das war, als ob deine schlimmsten Albträume wahr geworden sind."

Ana und ihre Familie | Bildquelle: TV-Studio Washington
galerie

Ana und ihre Familie leben in ständiger Angst vor Abschiebung - so wie etwa 11 Millionen Migranten ohne Papiere in den USA.

Einwanderungsrecht-Reform lässt viele hoffen

Präsident Biden möchte Migranten wie Ana und Fransisco nun eine Perspektive bieten. Ebenfalls am ersten Tag seiner Amtszeit brachte er einen Gesetzesentwurf für eine Reform des Einwanderungsrechts auf den Weg. Dieser sieht vor, dass Menschen ohne Papiere eine Aufenthaltserlaubnis erlangen können - perspektivisch sogar die Staatsbürgerschaft.

Gelänge es Biden, dieses Gesetz durch den Kongress zu bringen - es wäre ein großer Wurf: Die letzte große Reform des Einwanderungsrechts liegt 35 Jahre zurück. Doch dafür bräuchte er im Kongress auch die Unterstützung von Republikanern, und nichts spricht derzeit dafür, dass er die bekommen kann.

Dabei gäbe es im Land durchaus eine Mehrheit für eine Reform: 60 Prozent der US-Bürger sprachen sich 2020 in einer Umfrage von Reuters/Ipsos dafür aus, Migranten einen Weg zur Staatsbürgerschaft zu ebnen. Ana ist - bei aller Hoffnung - auch skeptisch. Präsidenten kommen und gehen, sagt sie, aber geändert habe sich für sie in 20 Jahren im Land bisher: nichts.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Januar 2021 um 12:00 Uhr.

Darstellung: