Gewalt gegen Frauen in Mexiko "Nicht eine weniger"

Stand: 08.03.2021 17:51 Uhr

In Mexiko werden rund zehn Frauen pro Tag umgebracht. 99 Prozent der Fälle werden nicht aufgeklärt. Die Wut ist groß: Trotz der Pandemie gehen auch heute Frauen auf die Straße.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"In jeder Minute, jede Woche, rauben sie unsere Freundinnen, töten unsere Schwestern, zerstückeln ihre Körper, lassen sie verschwinden. Herr Präsident, vergessen sie nicht ihre Namen", singt Vivir Quintana. Die Musikerin hat die Hymne für den Frauenprotest in Mexiko geschrieben.

"Es ist eine harte Realität, die in dem Lied beschrieben wird, deswegen ist es nicht einfach es zu singen, aber es ist sehr wichtig", sagt sie. "Es geht darum, was hier täglich passiert. Erst gestern erzählte mir eine Bekannte, dass sie eine Freundin von ihr umgebracht haben - gestern. Die Angst ist unsere permanente Begleiterin. Aber dieses Lied verbindet, verschwestert uns, all diejenigen, die nach Gerechtigkeit und Sicherheit in diesem Land suchen."

Auch ihre eigene Erfahrung hat sie in dem Lied verarbeitet. Sie selbst hat eine Freundin verloren. "In den sozialen Medien schlägt den Frauen viel Ablehnung entgegen, die es wagen anzuklagen, die die Stimme erheben", erzählt sie. "Es scheint, dass die Gerechtigkeit mehr gehasst wird als die Femizide. Das tut weh, es schmerzt uns Frauen dies festzustellen und auch jetzt, in diesem Augenblick während der Pandemie geht die Gewalt gegen Frauen weiter.

Die Musikerin Vivir Quintana hat eine Hymne für den Frauenprotest in Mexiko geschrieben. | Bildquelle: Anne Demmer
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"Herr Präsident, vergessen sie nicht ihre Namen", singt Vivir Quintana und fordert Mexikos Präsidenten López Obrador auf, die Gewalt gegen Frauen in Mexiko zu bekämpfen.

Massiver Zaun

Die feministische Bewegung in Mexiko fordert schon seit langem, dass mit dem patriarchalen Pakt, dem Machismo endlich gebrochen werden muss. Die Forderung wurde jedoch erneut sehr laut, seitdem der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador trotz heftigen Widerstandes weiterhin an der Kandidatur eines Politikers festhält, der wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung angeklagt ist.

Für den Frauentag hat er um den Nationalpalast einen massiven Zaun aufstellen lassen. Der Protest würde unterwandert von gewaltbereiten Frauen. Er wolle verhindern, dass es Verletzte weder auf der Seite der Sicherheitskräfte noch auf der der Demonstrantinnen gebe.

Der mexikanische Präsident hatte bereits in der Vergangenheit den vorwiegend friedlichen Frauenprotest in der Öffentlichkeit diskreditiert. Er reduzierte ihn auf punktuelle gewaltsame Ausschreitungen, die es in der Vergangenheit gab. Jegliche Kritik weist López Obrador von sich: "Ich fange an, überall 'brich den Pakt, brich den Pakt' zu hören." Er habe erst vor fünf Tagen von seiner Frau erfahren, was das bedeute: "Den patriarchalen Pakt, wie sie mir sagte, hör auf Männer zu unterstützen. Aber ich breche diesen sogenannten Pakt schon. Aber was haben wir damit zu tun. Wir respektieren Frauen doch, jedes menschliche Wesen."

Zehn Frauen werden täglich getötet

Offenbar driften jedoch Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Diskurs beim mexikanischen Präsidenten auseinander. Die "Agentur für politische Kommunikation Spin" hat den Sprachgebrauch von López Obrador unter die Lupe genommen. In zwei Jahren Amtszeit hat der mexikanische Präsident nicht einmal das Wort Gendergewalt benutzt und das in einem Land, in dem rund zehn Frauen täglich umgebracht werden.

Laut offiziellen Angaben werden ein Viertel davon, umgebracht weil sie Frauen sind. Wie schwer es allerdings ist, dass der Mord an einer Frau als Femizid anerkannt wird, hat Yesenia Zamudia am eigenen Leib erfahren: Fünf Jahre hat es gedauert. Vor fast genau fünf Jahren wurde ihre Tochter umgebracht.

"Ni una menos" steht auf ihrem Mundschutz mit weißen Buchstaben aufgedruckt. Nicht eine weniger. Sie ist komplett schwarz gekleidet. Wenn sie über ihre Tochter Marichuy spricht dann scheint sie es immer noch nicht zu fassen. Es klingt als müsse sie sich rechtfertigen - in einer Gesellschaft, die den Frauen in der Regel die Schuld gibt.

Yesenia Zamudia | Bildquelle: Anne Demmer
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Yesenia Zamudia trauert um ihre Tochter, die vor fünf Jahren in Mexiko umgebracht wurde.

Hoffnung auf Verhaftung

"Sie war sich gar nicht bewusst, wie hübsch sie war. Sie war gar nicht darauf aus, einen Freund zu finden. Sie hat sich auf das Studium konzentriert. Hier sieht man es auf dem Foto, sie hat sich sogar die Haare abgeschnitten. Sie sagte: Ich weiß wie es diesen Mädchen ergeht, die sich ständig frisieren müssen, sich schminken, dafür habe ich gar keine Zeit. Sie war sehr pragmatisch."

Sie zeigt auf das Bild ihrer Tochter, dass auf dem Esstisch steht. Seit dem Tod hat sich ihr Leben komplett verändert. Yesenia hat ihren gut bezahlten Job bei einer Autofirma verloren. Stattdessen ist sie selbst zur Ermittlerin geworden. 5000 Seiten umfasst die Akte bereits, jetzt wird der Fall neu aufgerollt.

Er wird jetzt als Femizid, als Frauenmord, anerkannt. "Ich hoffe, es wird nun Verhaftungen geben. Aber nicht nur diejenigen, die am Tod meiner Tochter direkt schuld sind, sondern auch die Behörden, die nichts gemacht, die sogar die Ermittlungen behindert haben", sagt sie.

Trauer und Wut

Ein richtiges zu Hause gibt es für Yesenia nicht mehr, sie muss ständig die Wohnung wechseln. Für ihren Kampf für Gerechtigkeit, ihre Hartnäckigkeit bekommt sie regelmäßig Drohungen: "Über die sozialen Netzwerke, Facebook, über das Telefon. Ich habe Todesdrohungen bekommen. Aber ich habe mich daran gewöhnt, mit der Angst zu leben", sagt sie nüchtern.

Die Trauer und die Wut haben sie stark gemacht. Ihr ist es wichtig auch andere zu unterstützen, gerade in der Pandemie habe die Gewalt gegen Frauen noch zugenommen. Im letzten Jahr gingen stündlich 25 Anzeigen bei der Polizei ein. In Mexiko-Stadt hat Yesenia für Frauen, die während der Pandemie Hilfe suchen, Unterkünfte organisiert.

"Wir haben auch Essensspenden für diejenigen gesammelt, die sie benötigen - für Schwangere, für ältere Frauen, die wegen der Pandemie auch nicht mehr weiterarbeiten können", sagt sie "Im Moment bitten wir nicht nur um Gerechtigkeit, sondern ganz simpel um Essen."

Demonstrationen trotz Pandemie

Ende letzten Jahres hat Yesenia zusammen mit anderen Mitstreiterinnen die staatliche Menschenrechtskommission in Mexiko-Stadt besetzt, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Angeschlossen haben sich nicht nur die Opfer von Gewalt, Familienangehörige, die Töchter, Schwestern oder Mütter verloren haben.

Die Pandemie habe die Frauen mit den unterschiedlichsten Lebensrealitäten stärker zusammengebracht, meint Yesenia. Auch in diesem Jahr wird es zum Frauentag trotz der Pandemie Demonstrationen auf der Straße geben. Yesenia und die Musikerin Vivir Quintana rufen zum virtuellen Protest auf: "Wir werden immer mehr, es sind immer mehr Frauen, die sich Sorgen machen, aktiv werden. Es ist unser Moment, wir sagen: Wir sind hier und werden weiterkämpfen."

An einem Schutzzaun vor dem mexikanischen Nationalpalast wird am Weltfrauentag den weiblichen Opfern von Gewalt gedacht. | Bildquelle: Anne Demmer
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An einem Schutzzaun vor dem mexikanischen Nationalpalast wird am Weltfrauentag den weiblichen Opfern von Gewalt gedacht.

Die Namen der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, sollen nicht vergessen werden, fordert die Musikerin. Die Frauen haben sie auf den Schutzwall geschrieben, den der mexikanische Präsident um den Nationalpalast herumgebaut hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2021 um 18:32 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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